World Climate Refugee Camp
Hermann Josef Hack (1956) begann 1973 mit dem Studium der Freien Künste bei Joseph Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf und erlangte parallel dazu sein Diplom als Verwaltungs-Betriebswirt bei der Deutschen Bundesbahn. 1990-97 folgte seine Tätigkeit als Kunstbeauftragter des Bundesministeriums für Forschung und Technologie. Von 1992 bis 1998 gehörte Hack dem Kuratorium der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn an.
Schon früh reifte in Hack der Wunsch nach Aueinandersetzung mit Vernetzung und Globalisierung. Seine sozialpolitisch ambitionierten Kunstaktionen, die von Kommunikation leben und gleichzeitig neue Formen der Kommunikation schaffen, zielen darauf ab, Wissenschaftler mit der Öffentlichkeit ins Gespräch zu bringen. Mit modernsten Kommunikationsformen versucht er ein größtmögliches Potenzial an Interessenten und Ideen zu erreichen, um auf die globalen Herausforderungen aufmerksam zu machen.
1992 war der Maler und Aktionskünstler als Mitglied der Künstlergruppe Ponton mit dem interaktiven Fernsehprojekt Van Gogh TV auf der documenta IX vertreten. Für weitere Aufmerksamkeit sorgte er mit seinen sozialpolitisch motivierten Projekten, so 1998 mit dem Arme-Socken-Teppich. Ende der neunziger Jahre entdeckte Hack für seine Aktionen ein neues malerisches Medium. Abfälle und recycelte Zeltplanen in Verbindung mit wasserfesten Farben dienen ihm als planerische und dokumentierende Bildträger. In diesem Kontext entstehen auch die Außeninstallationen World Climate Refugee Camps, die er im vergangenen Jahr unter anderem in Berlin, Leipzig, Dresden und Dublin präsentierte. In seinem Festivalbeitrag wird sich Hack auf malerischem Wege mit den sozialen Auswirkungen des Klimawandels auseinandersetzen.
Eigenes Statement:
Hermann Josef Hack
Sei der Wandel - Schliesse dich der Broten Armee an
1. Wenn Kunst etwas bewirken will, muss sie die Klimakatastrophe zu verhindern suchen. Sonst ist sie nicht tauglicher als Modeschmuck.
2. Kunst, die etwas veraendert, findet nicht im Museum statt. Hier trifft man hoechstens die, welche nicht tun, was sie wissen.
3. Kunst, die Veraenderung schafft bzw. ermutigt, meldet sich ungefragt im oeffentlichen Raum zu Wort, weil sie dort auf Menschen trifft, die tun, was sie wissen.
4. Die Brote Armee bahnt den Weg.
Veraenderung ist ueberlebenswichtig
Heute geht es nicht um graduelle Unterschiede in der Gesellschaft, etwas mehr Wohlstand fuer alle oder mehr Freizeit fuer mehr Konsum. Es geht schlicht um die Frage: Werden unsere Kinder und Kindeskinder, d.h. die Generationen der naechsten hundert Jahre, auf diesem Planeten leben koennen oder sind sie zu einem jaemmerlichen Verrecken verdammt, weil wir uns nicht zu einem Umlenken entschliessen koennen? Wer die durch die Klimakatastrophe verstaerkten Bedrohungen nicht wahrhaben will, sollte sich die Realitaet ansehen und die inzwischen eingetretenen Prognosen weltweit operierender und sich gegenseitig kontrollierender Wissenschaftler zur Kenntnis nehmen. Wer dann immer noch leugnet, dass wir in eine Katastrophe hineinrasen, dem ist nicht mehr zu helfen.
Kunst als Wegbereiterin gesellschaftlicher Veraenderungen
Kunst, die gesellschaftliche Veraenderung schafft, muss von ausserhalb des etablierten Kunstbetriebes kommen, da dieser seit eh und je von dem Establishment am Leben gehalten wird, das trotz besseren Wissens sich gegen eine notwendige Erneuerung der Gesellschaft sperrt. Wer will schon freiwillig auf seine - auf Kosten anderer erwirtschafteten - Besitztuemer verzichten?
Kunst im etablierten Kunstbetrieb ist nicht in der Lage, notwendige gesellschaftliche Veraenderungen herbeizufuehren, solange sie als Affirmation des auf Kosten schwaecherer Gesellschaftsschichten angeeigneten Konsumkapitals denjenigen dient, welche kein Interesse an einer Veraenderung ihres Besitzstandes haben duerften. Nehmen Sie David Hockney, der in seinen Bildern den Luxus am Pool eines Millionaersbungalows verherrlicht, wie ihn seine Sammler als selbstverstaendlichen Lebensstandard kennen. Kein Wunder, dass zu allererst derlei Arbeiten in den Privatsammlungen und Museen auf der ganzen Welt fuer eine Nachwelt konserviert werden, die es voraussichtlich nicht mehr geben wird, weil Egoismus und Habsucht eben dieser "Saeulen der Gesellschaft", als die sie sich gern sehen, sie elendig verrecken lassen. Wer angesichts der vorliegenden Erkenntnisse, Fakten und Beweise leugnet, dass wir in eine unumkehrbare Klimakatastrophe rasen, ist entweder hohl und ignorant oder vorsaetzlich daran beteiligt, dass unsere Nachkommen keine Lebensgrundlage mehr haben werden. Entweder, sie wissen nicht, was sie tun, oder, schlimmer: sie tun nicht, was sie wissen.
Tun wir es, denn sie tun nicht, was sie wissen
Die etablierte Kunst ist in der Hand derer, die ueber Kapital, Macht und Einfluss verfuegen. Die groessten Sammlungen gehoeren Banken, Versicherungen und Privatpersonen, die ihr Vermoegen ueberwiegend durch Ausbeutung anderer, durch Ererbtes, z.T. im Dritten Reich mit Zwangsarbeit erwirtschaftetes Kapital erworben haben. Neue Haeuser fuer Privatsammlungen entstehen anstelle von oeffentlichen Museen, mit denen sich Sammler ihr persoenliches Denkmal setzen und eine Kunst praesentieren, die sie als Referenz fuer ihren Lebensstil ausgewaehlt haben. Wen wundert es, dass diese Kunst nicht ganau diesen Lebensstil angreift?
Von ihnen ist nicht zu erwarten, dass sie jenen klimaschaedlichen und egoistischen Lebensstil freiwillig aendern werden. Bleiben die Politiker. Politiker machen Politikerpolitik fuer Politiker. Sie erfuellen die Vorgaben ihrer Lobbyisten, welche ihnen ihre Wiederwahl erkaufen, denken in Kurzzeitraeumen von wenigen Jahren, nicht an folgende Generationen und nehmen fuer ihr kurzfristiges politisches Ueberleben den erst spaeter eintretenden Untergang der gesamten Gesellschaft in Kauf. Hochrangige Beratergremien gibt es genug. Ihnen muss man attestieren: Sie tun nicht, was sie wissen.
Wenn also weder die als Avantgarde oder Seismograph fuer gesellschaftlichen Wandel geruehmte Kunstszene noch die hierfuer demokratisch gewaehlten, also beauftragten Politiker der Aufgabe nachkommen, Auswege aus der Katastrophe zu suchen, Weichen zu stellen und jetzt zu handeln, dann bleibt nur eines: Tun wir es selbst.
Gesellschaftliches Empowerment wecken, kleine demokratisch operierende Gruppen mit alternativen Konzepten staerken und ermutigen, das ist fuer mich die Loesung. Diese Gruppen erreiche ich in dem Raum, in dem sie operieren, im oeffentlichen Raum.
Wir sind der Wandel
Getreu dem Leitspruch meines Lehrers Joseph Beuys "La revoluzione siamo noy - die Revolution sind wir" geht es darum, Selbstvertrauen und Mut all jenen zu vermitteln, die bereit sind, ihre Sache selbst in die Hand zu nehmen und sich nicht laenger von den ferngesteuerten Unterhaltungsmedien paralysieren zu lassen. Jetzt, solange das Fenster der Gelegenheiten noch einen duennen Spalt weit offen steht, ist die Zeit zum Handeln: lokal und in kleinen Gruppen, vorwaertsgewandt und unerschrocken. Dies zu vermitteln und zu verbreiten, ist die Aufgabe der Stunde. An vielen Orten gleichzeitig operieren Kuenstlerinnen und Kuenstler, ohne danach zu fragen, ob ihre Arbeiten im Museum oder in einer Galerie landen. Auf eigene Kosten, in der Nacht und mit dem Risiko, verhaftet und bestraft zu werden, installieren sie ihre Arbeiten in oft halsbrecherischen Aktionen in der Stadt. Auch wenn nicht alles den hohen Anspruechen einer gesellschaftlichen Veraenderung gerecht werden mag, sie sind es, die Wirkung erzielen und die Chance nutzen, die dringend erforderliche Veraenderung sichtbar zu machen. Ich bin dabei. Wir sind der Wandel.
Die Brote Armee kaempft fuer den Wandel
Die Brote Armee als Kunstschoepfung einer anarchischen Organisation kaempft mit den Mitteln des Teilens und Verschenkens. Ihre Bomben und Panzer sind aus der sinnbildlichsten aller Nahrung: dem taeglichen Brot. In Anlehnung and die Propaganda-Banner kommunistischer Systeme oder Diktaturen bewirbt die Brote Armee den Einsatz fuer eine bessere Welt, z.B. mit dem Aufruf "Tun wir es, denn sie tun nicht, was sie wissen". Waehrend sie die blossen Parolen ad absurdum fuehrt, erregt sie Aufmerksamkeit und Interesse fuer eine neue Form notwendiger Teilhabe.
Sei der Wandel - schliesse dich der Broten Armee an!