Donnerstag, 05.08, 21.00,aufgeführt auf der Installation "Landschaft" von Olaf Nicolai
Bruno & Michel Are Smiling with Skipperrr betreten die Bühne. Das Spektakel beginnt. Bereits die Präsenz der beiden Musiker verändert die Temperatur des Raumes. Ihre Kostüme und Posen sind präzise gewählt. Während das Publikum noch im Bann ihrer Erscheinung steht, zerstört das Duo die Illusion mit vollstem Überschwang und größtem Einsatz ihrer Körper. Durch Abwechslung von Kreischen und Gesang, begleitet von einer aufregend herumprügelnden Computer-Musik, wird eine Expressivität hergestellt, die schwer nachzuahmen ist. Ein Zuhörer verglich die Klangerfahrung einmal mit einem Autounfall.
Lasziv kreisende Hüften werden abgelöst von spastisch wirkenden Krämpfen, dies gefolgt von einem einstudierten Synchron-Tanz. Während dieser Performance lassen sich unterschiedlichste Gesichtszüge der Akteure beobachten, welche von weit aufgerissenen Mäulern und verzerrten Gesichtern bis zu erhobenen Augenbrauen mit gespitzten Lippen reichen. Das Konzert entfacht ein großes Bacchanale, freudig der Geschwindigkeit, der Vielfältigkeit und den Dissonanzen unserer Zeit entgegen.
Bruno & Michel Are smiling with Skipperrr ist vor allem Anderen ein Mixer. Oder genauer: ein Reißwolf. Sie speisen sich aus tausend Verweisen, reichend von der Philosophie und der kritischen Theorie zur Neuen Musik (Ligeti, Xenakis, Cage…), von japanischem Noise über die frühen Atari Teenager Riot zu Digital Hardcore, vom Gameboy und Videospielen zu Schreien und Post-Post-Postpunk.
Nachdem sie diese gesamte Informationslawine gekaut haben, erbrechen sie durch Musik ihre elektronische/vokale Mixtur und hinterlassen das Publikum erschöpft und gleichzeitig diesem Exzess verfallen. Im Verlauf der Performance wird die Distanz zwischen Publikum und Performern abgebaut, die Intensität des Erfahrenen und die Nähe dazu lädt zur Nachahmung ein und lässt klassische Grenzen aufweichen.
Zunächst ist festzuhalten: Bruno & Michel Are Smiling with Skipperrr selbst halten ihre Musik für widersprüchlich: einerseits bringen sie Spontaneität, Aktionen aus dem Bauch heraus und Improvisation auf die Bühne; auf der anderen Seite steht die Abstraktion, zum Ausdruck gebracht durch ihre mathematischen Kompositionstechniken über Laptop, die selben, die infolgedessen eine komplizierte Collage der extrahierten Samples liefern (von wo? Sicher unmöglich, dies herauszufinden), plötzliche und extreme Änderungen des Rhythmus in Kollision und alle Artillerie an Geräuschen, die man sich vorstellen kann. Diese ganze Mischung wird durch die Tatsache weiter kompliziert, dass dieses Duo tatsächlich aus zwei Ein-Personen-Projekten gebildet wird: Bruno & Michel Are Smiling (Oliver Bulas) und Skipperrr (Charlotte Arnhold).
Veröffentlichungen und Performances:
Die Historie von Bruno & Michel Are Smiling beginnt im Jahr 2002 mit seiner Teilnahme an dem CD Sampler "Nanoloop 1.0" (Disco-Bruit), einer Kompilation, deren Material ausschließlich unter Zuhilfenahme des Nintendo Game Boys und Nanoloop (Synthesizer/Sequencer entwickelt für den Game Boy) hergestellt wurde, mit der Teilnahme von Musikern wie Merzbow, Felix Kubin, AGF/Delay, von Dat Politics und anderen. Im selben Jahr erscheint das Stück "Oh, Look At All These Lovely Colorful Bubbles" auf der Langspielplatte "Bio(Me)Tricks" (Versch. Künstler, Sozialistischer Plattenbau). Bereits 2003, jetzt als Bruno & Michel Are Smiling with Skipperrr, fügen sie das Stück "Faith" der doppel 7" EP "$kill$ Music" (2003, Versch. Künstler, Sozialistischer Plattenbau) bei. "Faith" ist ein zweiminütiges Chaos, voll der typischen Bestandteile des Paars: Kreischen, Heulen und Schreien, eklektisches Sampling, Electrobeat und unterschiedliche Verzerrungen.
Ebenfalls 2003 erscheint "Living-Room Music", eine 3" miniCD, im Selbstverlag durch Bruno & Michel Are Smilling, welche Material aus den Jahren 1998 bis 2002 kompiliert: Insgesamt 14 Mikrothemen, kombiniert aus Stücken (Electrodadapunk) und Zwischenspielen (Sampledelirium). Im selben Jahr erfolgt die erste Performance der beiden in einer Hamburger Musik-Bar. Im Spätsommer/Herbst 2003 ist das Stück "Everyday Body-Market" in der Ausstellung "Sound ARC" im Musée d'Art Moderne in Paris zu hören. 2004 erfolgen nach einem Konzert in der Hochschule für bildende Künste und der "Fabrik" in Hamburg eine Tournee durch Nord-Italien und ein Konzert in
London, wodurch Kontakte zum Label "Adaadat" vertieft werden, sowie ein Konzert in den Kunst Werken in Berlin.
Als Bruno & Michel Are Smiling with Skipperrr werden sie 2005 zu dem Sampler "Tsunbosajiki" hinzugezogen, welcher durch das japanische Label "Renda Records" herausgegeben wird. Einige Monate darauf ein erneuter Auftritt in London, diesmal im Institute of Contemporary Arts (ICA) und im Kunstverein Braunschweig. Im Jahre 2006 betreten sie das Musikpanorama gekleidet wie Fred Astaire und Ginger Rogers auf dem Umschlag ihres Tonträgers "The Beach Of Ruined Spirits" (Adaadat/London) mit drei neuen epileptischen Titeln: "The Beach Of Ruined Spirits" , "How Do You Want To Pay For A Weekend Of Truth On The Countryside" und "The Great Millipede". 2006 treten sie häufig öffentlich auf, unter anderem bei den Nuit Blanche in Amiens, im Experimentaclub in Madrid, in Los Angeles sowie San Diego, in den Niederlanden und Belgien. Während 2007 die Aufnahmen zu einem neuen Tonträger laufen, gibt es Auftritte in Paris, Berlin, Hannover, Hamburg und Halle/Saale.
Bei der letzten Veröffentlichung des Duos handelt es sich um die Langspielplatte "C' Mon!" 2008 (Sozialistischer Plattenbau/Hamburg). Hier finden sich Stücke wie zum Beispiel das zersplitterte Stück „Bombardement of Lip Glosses“. Komplizierte Strukturen können auch innerhalb des Stückes „Such Is Life In The Tropics“ gefunden werden. Dieses Stück kombiniert südamerikanische Rhythmen mit schreiendem Gesang. Die zwei Künstler zitieren einen Dadaistisch anmutenden Text des russischen dissidenten Dichters Daniil Charms in ihrer Ballade „The Red-Haired Man“. Die Behauptung von der
Existenz eines rothaarigen Mannes wird hier Glied für Glied und Organ für Organ zurückgezogen, bis nichts mehr bleibt und infolgedessen „ist es besser, wir sprechen nicht mehr von ihm.“ Es folgten Konzerte in der Schweiz, den Niederlanden, und Deutschland.